Donnerstag, 7. November 2013

Das Lieschen atmet

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 87  ---> guckst du hier

Als Lieschen gestern verspätet mit wackeligen Knien und einem leichten Muskelkater im Kiefergelenk im Café ankam, saß die Grete schon am reservierten Tisch. Stocksteif und blass im Gesicht. So hatte die Liese ihre Freundin noch nie gesehen. Grete sitzt normalerweise eher entspannt mit rundem Rücken, ein wenig nach vorne gebeugt. Gestern aber nicht. Manchmal springt die Grete auch auf, wenn das Lieschen kommt oder sie dreht sich wenigstens in Richtung Tür, wenn sie eintrifft. Im Normalfall will sie nämlich Lieschens lustige Kleidung in Gänze und nicht nur im Sitzen betrachten. Gestern aber nicht. Es hat ein bisschen so gewirkt als freute sich die Grete gar nicht über Lieschens Ankunft. Natürlich hat das das Lieschen irritiert, aber bevor sie sich einen Kopf machte, ist sie beherzt zum Tisch gegangen, hat sich zur Grete herunter gebeugt, sie umarmt und gefragt was los ist.

Damit hat sie eine Art Maschinengewehrsalve provoziert, in der die Grete geschätzte 100.000 Wörter in der Minute unterbrachte. „Zumba, Muskelkater, Mord, Heidi, Berta, Susi, nie wieder, Po, Jogginganzug, Zumbamode, kostenlos, Dusche“ und immer wieder „niemals wieder“. Dem Lieschen glühten die Ohren. Sie hatte ja bis dahin noch niemals irgendetwas von Zumba gehört und überhaupt keine Ahnung, dass es sich um ein Mordwerkzeug für alternde Damen wie die Grete und sie selbst handeln könnte. Scheint auch gut getarnt zu sein und in öffentlichen Räumen stattzufinden. 

Die Grete hat dem Lieschen verboten über sie zu lachen. Sie sollte auch nicht sagen, dass eine ganze Stunde Sport für einen völlig untrainierten Mittefünfzigkörper, der hauptsächlich das Sitzen im Büro, im Wagen, auf dem Sofa und dem Balkon kennt,  vielleicht nicht ganz das Richtige ist. Und bedauern sollte sie sie auch nicht. Keinesfalls. „Bin ich ja selbst schuld“ sagte die Grete immer wieder. Und natürlich hat sich das Lieschen daran gehalten. Sie hat nix gesagt und erst mal auch nicht gelacht, obwohl sie sich dafür enorm zusammenreißen musste.

Sie selbst kam ja gerade vom „Atmen“ und spürte, wie schon so oft in den letzten Wochen, heraufziehenden Muskelkater in der Hüfte, den Beinen und dem Kiefer. Als sie das der Grete erzählte, entspannte die ein wenig, sank unter Stöhnen ein bisschen tiefer in den Stuhl mit dem Kissen und kämpfte selbst mit dem Lachen. „Du warst beim Atmen? Und davon kriegt man Muskelkater???“ Die Grete konnte das Lachen dann nicht mehr unterdrücken und das Lieschen stimmte mit ein. „Warum? Wie? Hä?“ japste die Grete zwischen Stückchen der mittlerweile eingetroffenen Torte, Lachgluckser und Schlückchen aus der Riesenkaffeetasse.

Also erzählte die Liese von dem kurzen Besuch der Freundin aus alter Zeit, die sie mehr als 15 Jahre nicht mehr gesehen hatte und die fand, dass sie, die Liese, ganz die Alte sei, ABER die Stimme so kratzig und fremd geworden wäre, dass sie sie kaum erkennen könnte. „Quatsch“ fand die Grete am Mittwoch und der Hermann damals. Aber das Lieschen selbst wusste schon, dass die Stimme immer tiefer geworden war und ihr das Sprechen manchmal nicht leicht und das Singen schon lange schwer fiel. Also hat sie sich einen Volkshochschulwochenendkurs mit dem Titel „Atem, Körper, Stimme“ rausgesucht, sich angemeldet und ist hin marschiert. Die Seminarleiterin, eine Sängerin, Gesangslehrerin und Atemtherapeutin war schockiert über Lieschens selten „anspringende“ Stimme, hat aber ihr Möglichstes getan, Lieschen und die anderen Teilnehmer mit gruseligen und lustigen Körper- und Atemübungen auf „Tonformungsübungen“ vorzubereiten. Am Ende des Wochenendes hatte die Liese einen ähnlich schlimmen Muskelkater wie die Grete am Mittwoch und wahrscheinlich heute auch noch. Aber sie konnte bereits lustige Töne formen, die dem Klang eines Didgeridoos  sehr ähnlich waren und sie hatte das ganze Wochenende über so viel Spaß, dass sie beschloss, die Dame regelmäßig für ein Stündchen aufzusuchen. 

Das hatte das Lieschen der Grete bis jetzt noch nicht erzählt, weil sie vermutete, dass die Grete das für Quatsch halten würde. Und so war das gestern alles neu für die Grete. Und was hat die sich amüsiert als das Lieschen ihr von ihrem Wackelbrett, den Noppenbällchen, dem Tönen mit Hüftübungen, dem „Kauen eines „Ws“ oder „Ms“ und lauter solchen Sachen erzählte. Und dass sie seit ein paar Wochen regelmäßig übt und trotzdem nach den Stunden bei  der Gesangslehrerin, die ihr nur das Tönen beibringen soll, leichten Muskelkater hat. 
Natürlich hat die Grete gelacht, aber nicht ÜBER die Liese speziell, sondern irgendwie aus Freude und ein bisschen über sie beide. Mitte Fünfzig und die großen Ausprobriererinnen vor dem Herrn.


Gestern waren die beiden nicht so oft zum Rauchen vor der Tür wie an einem gewöhnlichen Mittwoch. Den Lungen hat dieser Umstand vermutlich ebenso gefallen wie der Grete und der Liese der gemeinsame Mittwoch.




Grete und Lieschen als kostenloses E-Book - die ersten 50 Kapitel: 

Kommentare:

  1. Herrlich! Ihr zwei!
    Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen, werde aber bestimmt bald auch mit furchtbarsten Muskelkater gestraft - mein Körper weiß wahrscheinlich gar nicht mehr, was Ausdauersport ist...
    Liebe Grüße! Petra

    AntwortenLöschen
  2. Lieschen, wer hätte das gedacht. Muskelkater von Atemübungen. aber wied em auch sei - nicht gerade zum Lachen. Hoffentlich hilft es.
    Aber das mit dem weniger Rauchen vor der Tür - das gefällt mir !
    Deshalbe, macht weiter, ihr Beiden.
    Einen schönen Abend wünscht dir
    Irmi

    AntwortenLöschen
  3. Atmen - ich habe es beim Yoga versucht, immer wenn wir einatmen sollten, wollte ich ausatmen und umgekehrt, es war eine Qual und ich habe es aufgegeben. Warum ist das immer so schwierig. Schön wenn Lieschen Grete versteht und selber auch ein wenig leidet.

    AntwortenLöschen
  4. Hallo Brigitta,
    da muss ich auch schmunzeln, dass es solch einen Kurs "Atem, Körper, Stimme" gibt. Das kenne ich beim Joggen so (bin aber seit 3 Jahren nicht mehr gejoogt), dass eine richtige Atemtechnik wichtig für eine optimale Ausdauer ist.

    Gruß Dieter

    AntwortenLöschen

Herzlichen Dank für Euer Interesse und die den Blog so sehr bereichernden Kommentare!
Beides ist sowohl der Liese als auch mir eine große Freude! :-)))