Donnerstag, 14. November 2013

Das Lieschen mochte mal was Neues schreiben

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 92 ---> guckst du hier

Das Lieschen hatte im ersten Moment gar keine Augen für die pitschnasse und so seltsam schmutzige Grete. Sie hielt sich kaum auf ihrem Stuhl und hätte sich Streichhölzer für die Lider gewünscht, die ohne solche Stützen laufend der Schwerkraft folgten. Erst das laute Stühlerücken an den Nachbartischen, begleitet von ebenso lauten „Ahs“, „Ohs“ und „Pfuis“, machte sie auf eine vermutlich interessante Veränderung im Café aufmerksam.

Wenn nicht Mittwoch wäre, wenn es nicht die Grete wäre und wenn es da nicht dieses Ritual gäbe, hätte das Lieschen heute das Bett, das sie erst am frühen Morgen gefunden hatte, gar nicht verlassen. So müde war sie. Die ganze Nacht hatte sie sich um die Ohren geschlagen. Manchmal ist das Lieschen nämlich ein Nachtmensch. Immer dann, wenn sie die Muse küsst. In so einem Kuss kann einiges stecken. Mal ist es ein buntes Bild, das unbedingt gemalt werden will, mal ruft ihr ein Stück Stoff aus dem Nachbarzimmer zu, dass es nun lange genug da rumgelegen hat und JETZT endlich mit anderen Stoffen kombiniert ein nützliches Teil werden will und mal kullern ihr bestimmte Perlen förmlich entgegen und erzählen ihr, was sie werden wollen. Und manchmal hat die Liese einen Textanfang im Kopf, der sie nicht schlafen lässt.

Gestern am späten Abend quälte sie solch ein Anfang. Denn eigentlich war sie zu diesem Zeitpunkt bereits müde. Aber sie hatte nach einem langen Telefonat mit ihrer Schwester, in dem es um Gewohnheiten, um ImmergleicheHandlungen, um Routinen, um Langeweile, um die Kunst, um Schwesters Tagebuch, das Hängen an längst Vergangenem und ähnlich existentielle Themen ging, einen Satz im Kopf, der denselben auch nicht mehr von alleine verlassen wollte. 

Stattdessen drehte er Pirouetten in Lieschens Kopf. Während sie sich umzog, bettfein machte, schnappte der sich ein paar andere Wörter und tanzte durch Lieschens Oberstübchen. Die war aber wild entschlossen, vernünftig zu sein, ins Bett zu gehen und bald zu schlafen. Schließlich wollte sie am nächsten Tag fit sein. Für sich selbst und für die Grete. Also legte sie sich hin, löschte das Licht, schloss die Augen und begann das Einschlafen. Also genau genommen wollte sie das Einschlafen beginnen. Aber immer noch tanzten diese Wörter „Ich möchte mal was Neues schreiben“ in ihrem Kopf Walzer. Miteinander und mit „was Ungewöhnliches“

„Jaja“, dachte das Lieschen. „So isses ja. Das will ich mal. Aber doch nicht jetzt!“ So wie die Schwester auch. Die will Tagebucheinträge, die nicht wie ein Ei dem anderen gleichen. Kann sein, dass der Satz von ihr stammte. Und vorher durchs Telefon kam. „Was also habe ich damit zu tun?“ fragte sich die Liese im gewünschten Halbschlaf, der sich aber nicht in Richtung Schlaf entwickelte und auch keine Antwort parat hatte. Also hat sich das Lieschen ungeachtet der späten Stunde wieder an ihren Schreibtisch gesetzt, den Computer angemacht, gewartet bis er hochgefahren war und das folgende Gedicht geschrieben:

Ich möchte
mal was Neues schreiben,
was Ungewöhnliches,
noch nie Dagewesenes,
was wirklich Spektakuläres
und selbstverständlich Weltbewegendes.

Etwas, das bislang noch niemand jemals schrieb,
etwas, das bis zum heutigen Tage noch nirgends stand.

Wirklich und tatsächlich neu soll es sein.

Aber wie mach ich das
mit diesen alten Buchstaben und Zeichen?

Und was wäre, wenn es gelänge?
Wie lang erhielte sich dieser Zustand?

Wäre nicht auch das
im Moment des ersten Lesens
schon alt, gebraucht und nicht mehr neu?

Ich möchte mal was Neues schreiben.
Und hoffe, es gelingt.

Als sie damit fertig war, war sie hellwach und auf der Tanzfläche in ihrem Kopf hatten sich neue Wörter gefunden, die darauf bestanden zu einer Geschichte geformt zu werden, die noch niemals geschrieben wurde, die wirklich neu war und EXPERIMENTELL. Das gefiel der Liese und sie hat geschrieben und geschrieben und geschrieben. Bis es hell wurde und noch länger. Erst am Vormittag ist sie für sehr wenige Stunden erschöpft aber glücklich ins Bett gefallen.

Was dem Schlaf nicht gelungen war – nämlich Lieschens bleierne Müdigkeit zu vertreiben – gelang der Grete in ihrem witzigen Zustand dann problemlos. Als sie hereinkam, sah sie so beschmutzt aus, dass die Menschen an den Nachbartischen mit ihren Stühlen zurückrutschten, um einen Gang zu bilden und keinesfalls mit ihr in Berührung zu kommen.

Während die Grete sich trocknete und mit Spucke versuchte, die Flecken auf dem Mantel wenigstens notdürftig zu entfernen, erzählte sie, wie es sowohl zum Mantel als auch zu seiner Vermasselung gekommen war. Das Lieschen erzählte vom Sieg der Wörter über ihren Schlaf und beide lachten wieder viel. Wie immer. Den ganzen Nachmittag.


Diesen experimentiellen Text der Nacht hat die Liese der Grete dann noch in die Manteltasche gesteckt. „Ob sie ihn findet und liest? Und wenn ja, ob er ihr gefällt?“ fragt sie sich auf dem Heimweg. Irgendwie hofft die Liese, die Grete würde ihr eines Tages sagen, was sie von den Wortkombinationen der Nacht hält. Auch ohne, dass sie fragt.



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Kommentare:

  1. Faszinierender Gedanke, mal etwas zu schreiben, das noch nie da gewesen ist. Ich werde ihn jetzt auch in mir arbeiten lassen. Bin gespannt, was dabei heraus kommt...

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  2. Brigitta, wenn es jemanden gelingen sollte, mal was ganz anderes, etwas ganz neues zu schreiben: Dann bist du es. Da bin ich mir ganz sicher.
    Einen guten Start ins Wochenende wünscht dir
    Irmi

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Herzlichen Dank für Euer Interesse und die den Blog so sehr bereichernden Kommentare!
Beides ist sowohl der Liese als auch mir eine große Freude! :-)))