Dienstag, 12. November 2013

Lieschen denkt über Eventualitäten und Alternativen nach

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 91 ---> guckst du hier

Da hat das Fräulein Grete Meier heute also zunächst einen gebrauchten Tag erwischt. Das gibt es, denkt das Lieschen. Erst Recht im November. Kalt, gebraucht und irgendwie unbrauchbar. Wohl dem, der sich, sobald er das merkt wieder ins Bett legen und nach einiger Zeit neu starten kann. Oder wohl dem, der sich am Morgen die Zeit nehmen kann, den fehlenden Kaffee zu besorgen oder einfach nur wohl dem, der die Zeit hat, erst einmal durchzuatmen. Hatte die Grete aber nicht. Sie musste los. Offensichtlich schnell los, damit sie pünktlich zur Arbeit kam. Und was ist dann passiert? Das Lieschen lacht. Dann ist sie bei aller Hektik doch nicht pünktlich gekommen. Stattdessen ist sie in einen Stau geraten, die Grete. Zwei Stunden hat sie festgesessen, schreibt sie. 

Festgesessen? Klar, denkt die Liese, wenn das Ziel das Wichtigste ist – und das ist es ja in der heutigen Zeit – dann werden aus Verschnaufpausen Hindernisse. Wenn die Aufmerksamkeit auf der Ferne liegt, hat das Nahe keinen Wert. Und doch könnte man vielleicht sagen, bei allen Anfangsschwierigkeiten, die der Tag für die Grete bereithielt, hat er ihr eine lange Ruhephase, die sie nicht zu verantworten hatte, dazu geschenkt. Oder nicht? 
Im Ergebnis kam sie zwei Stunden zu spät ins Büro. Zwei Stunden später als verlangt. Zwei Stunden später als verabredet. Sie hat wohl Chaos angetroffen, aber die Welt ist davon nicht unter gegangen. Offensichtlich. 

Was wäre wohl gewesen, wenn die Grete sich am Morgen, als sie merkte der Tag beginnt nicht gut für sie, die Zeit genommen hätte, aus diesem hektischen Anfang einen geruhsamen zu machen. Was wäre wohl gewesen, wenn sie sich ganz aktiv die zwei Stunden „Verspätung“, von denen sie zugegebener Weise noch nichts wusste,  genommen hätte. Für ein warmes, gemütliches Bad, ein Tässchen Kaffee bei Herrn Heinevetter, ruhiges Anziehen und so weiter. Das Ergebnis Verspätung wäre ja das gleiche gewesen, Gretes Stimmung aber vielleicht nicht.

Hektik gepaart mit dem Blick in zukünftigen Ergebnissen kostet ne Menge, meint die Liese. Nicht nur Feinstrumpfhosen oder Brandsalbe samt Pflaster. Vielleicht auch Gesundheit. Könnte sein, meint sie.

Wie sich ihre Kollegen im Büro wohl geholfen hätten, wenn sie gar nicht gekommen wäre an einem solchen Tag? Wären sie auch alleine auf die Idee gekommen das Gerät aus der anderen Abteilung zu holen, anzuschließen und zu benutzen? Hätte es jemanden gegeben, der dafür gesorgt hätte, dass die Rechnungen, die ja „raus mussten“ „raus kamen“? Was wäre passiert, wenn die Rechnungen erst am nächsten Tag das Licht der Welt erblickt hätten? Und wie würde die Grete sich fühlen, wenn klar würde, dass es in der Firma auch ohne sie ginge? Falls es ohne sie ginge.

Mal im Ernst, denkt das Lieschen, wie hätte die Grete den Tag wohl verbracht, wenn sie keinen Plan gehabt hätte, den es abzuarbeiten galt? Das Lieschen hat neulich wieder einmal eine Dokumentation im Fernsehen gesehen, in der zwei 65jährige Herren in ihren Ruhestand begleitet wurden. Ein ganzes Jahr lang. So sehr die beiden sich auf die freie Zeit freuten und so zuversichtlich sie waren, dass alles super werden würde, so schwer taten sie sich dann mit der vielen freien Zeit und der Abwesenheit einer Bedeutung durch ihren Beruf. Beide vermissten die zeitlichen Vorgaben des Berufs und die Anforderungen von außen, die kein Ansehen im Gepäck hatten. Beide hatten nicht gelernt, einen Wert in sich zu sehen, sich selbst zu motivieren und ihren Tagen selbst Leben einzuhauchen. Schon gar kein gemütliches Leben.


Vielleicht würde das der Grete auch so gehen? Grete hat ja noch lange Zeit bis zur Rente, aber ein bisschen üben könnte sie ja jetzt schon, denkt das Lieschen. Einfach jetzt schon mal ein bisschen selbst bestimmen. Das wäre doch vielleicht ne prima Idee. Liese wird sie morgen mal fragen, was sie wohl meint, wie es ihr dann gehen wird und was sie von der Idee hält. Beim gemütlichen Kaffee im Café. Falls die Grete kommt und nicht von selber entscheidet, ihrer Gesundheit zuliebe mal eine Ausnahme zu machen. 

Uihuihuih, denkt das Lieschen, das könnte ja auch passieren! Aber nach dem kurzen Schreck lacht die Liese wieder. Falls die Grete nicht kommt und das das ist, was sie wirklich will, dann ist das also das Beste, was uns passieren kann. Basta. Die Grete ist ja ein freier Mensch. Und das Leben organisiert die Dinge schon richtig. Immer, meint das Lieschen. Für alle Beteiligten. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht.



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Kommentare:

  1. Ja, was wäre gewesen,wenn...
    Wir lassen es ja meist nicht darauf ankommen, dieses "Wenn" mal zu erkunden.
    Lieschen, du hast hier eigentlich alles gesagt, ich habe nicht hinzuzufügen.
    Vielleicht nur eines: Es ist immer bedenklich, wenn man sich über eine Sache, eine Aufgabe oder über die von außen gestellten Aufgaben definiert, die unser Leben bestimmen. Das kann als Mutter sein und wenn die Kinder aus dem Haus gehen, fällt man in ein Loch. Ein anderes Mal (und das sehr häufig) ist es eben der Beruf...wieder andere definieren sich über ihren Besitz, ihren Ehepartner usw.
    Man steht leer, wenn dann etwas "abhanden" kommt oder nicht so ist wie gewohnt.
    "Den Wert in sich sehen" nennst du es. Ja,das trifft es gut, vielleicht auch "Anerkennung" aus und durch sich selbst heraus gewinnen.
    Ich denke, es ist die Balance, die Ausgewogenheit, mit der wir unser Leben gestalten sollten. Hierzu gehört eben auch ein öfteres Innehalten und ein in sich Hineinhören.
    Und Ausnahmen sind immer gut.
    Nur leider haben nicht alle hierfür das Verständnis wie Lieschen.

    Lieben Gruß und gute Nacht.
    Enya

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  2. war wieder richtig interessant zu lesen.
    Ja - wir nehmen uns vielleicht manchmal wirklich zu wichtig. Die Welt geht nicht unter wenn wir mal ausbüchsen. Aber ehrlich gesagt konnte ich das auch nicht ;-)
    Ich erinnere mich noch gut, wie ich mal mit demTaxi in die Arbeit gefahren bin, weil ich verschlafen hatte. Ich hatte einen Termin - und mir war die Situation furchtbar peinlich. Als ich dann ankam (um einige DM erleichtert damals) erfuhr ich, dass der Termin abgesagt worden war;-)

    liebe Grüße von Heidi-Trollspecht

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Herzlichen Dank für Euer Interesse und die den Blog so sehr bereichernden Kommentare!
Beides ist sowohl der Liese als auch mir eine große Freude! :-)))