Sonntag, 17. November 2013

Lieschen findet weinen heilsam

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 94 ---> guckst du hier

„Deshalb also hat die Grete den Anruf eben nicht angenommen.“ Lieschen hatte sich schon so etwas gedacht. Irgendwie hat sie vermutet, dass es der Grete heute nicht so gut geht. Und weil sie ihren Ahnungen gerne nachgeht und weil sie dachte, dass es der Grete vielleicht gut tun würde, mit irgendjemandem zu reden an einem solch düsteren Tag wie dem heutigen, hat sie sie angerufen. Allerdings hat sie nicht bis zum St. Nimmerleinstag klingeln lassen. Sie hat sich gedacht, dass die Grete ja sieht, wer angerufen hat und wenn sie will, wird sie schon zurückrufen. So ist sie, die Liese. Ein Zeichen geben, ja. Belästigen, nein. Und im Grunde war es ja ganz richtig so, meint sie jetzt, nachdem sie von den Kopfschmerzen, der Langeweile und den Tränen gelesen hat.

Wenn Tränen da sind müssen sie geweint werden. So ist das doch. Zu ihrer Zeit und manchmal egal aus welchem Anlass. Das Lieschen kann so was auch am besten alleine. Beim Weinen kann sie niemand anderen gebrauchen. Ihre Tränen sind ja ihre und, hat ja kein anderer etwas mit zu tun. Oft weiß das Lieschen auch gar nicht, warum sie weint. Oder worüber sie weint. Sie weint einfach, wenn die Tränen „drücken“ und sie alleine ist. Das reinigt. Nicht nur, weil es Wasser ist. 

Solche Sendungen, wie die Grete sie heute gesehen hat sind vermutlich genau für solche Reinigungen produziert worden, glaubt die Liese. Lieschen hat diese Sendung vor vielen Jahren ein paarmal geguckt. Sie weiß eigentlich nicht, ob sie heute noch ist wie sie sie in Erinnerung hat. Tut aber jetzt einmal so, als wäre noch alles „beim Alten“. Menschen verschwanden aus den Leben von Menschen. Julia Leischnik erfährt davon und reist um die halbe Welt, um die Verschwundenen, die ja ebenfalls bereits seit vielen Jahren mit einem Verlust zu tun haben, zu finden. Wer bei den Videobotschaften, die sie wechselseitig vorführt, nicht schon schnieft ist hartgesotten und wer bei der Reunion zum Schluss nicht Pippi in den Augen hat, hat wirklich nichts zu weinen. Lieschen meint, dass das Traurige oder Berührende gar nicht so sehr das Schicksal dieser fremden Menschen im Fernseher ist. Sie meint, dass diese Geschichten nur eigene Geschichten antuppen und so im glücklichen Fall den Tränentopf überlaufen lassen. Den einen spricht das Leid in Zusammenhang mit dem Verlust eines geliebten oder gewohnten Menschen, bei einem anderen trifft das Wiederfinden auf eigene Wünsche, die vielleicht mit dem Beenden von Einsamkeit zu tun haben und wieder andere sehen bestimmte Gefühle in den Protagonisten dargestellt, die sie kennen und vielleicht bei sich selbst vernachlässigt haben.

Lieschen ist froh, dass die Grete geweint hat. Auch wenn sie nicht weiß warum. Abnehmen könnte sie ihr ihre Gefühle, ihre Tränen und ihre Einsamkeit ja sowieso nicht. Sie kann ihr für eine Zeit Gesellschaft sein, sie kann ihr mit weitem Herzen ein offenes Ohr schenken und sie kann ihr z.B. Kopfschmerztee bringen, wenn sie von den Schmerzen weiß. Was könnte sie mehr tun? Das müsste Grete ihr sagen. Und dafür müsste sie ans Telefon gehen oder von selbst anrufen. Oder?
Wenn die Grete selbst einen vermutlich noch lebenden Menschen im Laufe ihres Lebens aus den Augen verloren hätte, dann könnte das Lieschen suchen helfen und im Fall der Fälle Frau Leischnik informieren. Das könnte sie tun. Wenn sie davon wüsste. Davon weiß sie aber nichts. So etwas hat Grete bisher nie erzählt.

Lieschen erinnert sich an die Abschlussfrage von Gretes Sonntagsbericht. Ob die Stimmung wohl am Alleinsein liegt oder einfach am November? Genau weiß die Liese das natürlich nicht. Natürlich ist die Dunkelheit am „hellichten“ Tage mühsam. Aber vielleicht liegt ein Wert in der Dunkelheit? Vielleicht ruft sie uns auf, uns mit unseren dunkleren Seiten zu beschäftigen? Vielleicht brauchen wir dazu sogar das Alleinsein? Vielleicht tun wir uns einen Gefallen, wenn wir uns in solchen Monaten zurückziehen, Schmerzen aushalten und z.B. weinen? Vielleicht heilt uns das und macht uns selbst heller. Heller als der November selbst jemals werden kann. Vielleicht, so meint das Lieschen, ist der November ein Geschenk, indem er uns manche Ablenkung und Außensonne vorenthält.


Kann sein, dass die Grete gar nicht so sehr durch Frau Korters Gesellschaft sondern vielmehr durch das Weinen der Tränen und die frische Luft schmerzfrei wurde. Möglich isses. Meint die Liese.




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Kommentare:

  1. Hallo Brigitta,
    Männer reagieren wahrscheinlich weniger emotional. Ich reagiere meine depressiveren Stimmungen auf meine eigene Art und Weise ab. Hard Rock hören, aufs Fahrrad setzen oder Gartenarbeit. Unsere To do-Liste ist jedenfalls bei uns zu Hause so lang, dass dringende Sachen ständig zu erledigen sind.

    Gruß Dieter

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  2. Novemberblues und Melancholie, könnte man die Stimmung nennen. Wie gut das Grete geweint hat, es befreit die Seele. Und der Spaziergang hat ihr gut getan.

    Schönen Abend
    ♥ lichst
    Angelika

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  3. Liebe Brigitta,
    die beiden Posts - deiner und Gretes - haben mich emotional sehr berührt.
    Ich habe schon bei Grete gescshrieben, dass ich heute auch geheult habe,
    ganz ohnen Grund. Aber nach deinen Worten hier, muss es schon einen Grund gehabt haben.
    Ich bin nun schon einige Jahre allein - habe kaum Kontakte. aber bislang hat es mir nichts ausgemacht - im Gegenteil ich mag diese Ruhe nach einem turbulenten Berufsleben. Daran kann es nicht gelegen haben.
    Aber: Nach den Tränen ging es mir besser!
    Einen guten Start in die neue Woche wünscht dir
    Irmi

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  4. Mal wieder sehr nützliche Gedanken...
    Liebe Grüße
    Christiane

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  5. O ja, liebes Lieschen. Ich kann deinen Argumenten wunderbar folgen.
    Der November mag so wirklich ein Geschenk sein, weil er uns eben jene Räume und die Zeit zum Innehalten eröffnet. Wir nehmen uns doch kaum noch die Zeit dazu.
    Ich denke auch, dass wir unbewusst z.B. solche Filme wählen, die die Tränen mal fließen lassen, weil es eben eigentlich ein Bedürfnis und heilsam ist.
    Früher waren die Menschen gezwungen, in der dunklen Jahreszeit mit allem zurückzufahren, heute bietet sich doch äußerlich auch dann noch sehr viel an Betriebsamkeit und Ablenkung (ich denke nur an den Weihnachtsrummel), dass wir bewusst von allein gar nicht dazu kämen, uns mit den „dunklen Seiten“ zu befassen.
    Solche Tage, wie Grete gerade einen erlebt hat, sind eigentlich ein Segen.
    Unmut, Unlust, Trauer....konnten sich so ein wenig Bahn brechen.
    Und das allein sein Können, das scheint für viele heute ein Problem. Wobei ich deutlich unterscheiden möchte zwischen allein und einsam.
    Manchmal finde ich das Alleinsein wunderbar und fühle mich gar nicht einsam, denn ich bin ja mit mir zusammen und zwar so, wie ich es sonst nicht erlebe.

    Gedanken, die mich sehr berühren.

    Liebe Grüße
    Enya

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Herzlichen Dank für Euer Interesse und die den Blog so sehr bereichernden Kommentare!
Beides ist sowohl der Liese als auch mir eine große Freude! :-)))