Freitag, 8. November 2013

Lieschen will sich doch lieber freuen ... und freut sich

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 88  ---> guckst du hier

Als eben das Telefon klingelte wollte das Lieschen erst gar nicht dran gehen. Sie war nämlich im Stress. Berge von Stoffen türmten sich auf dem Boden ihrer „Fabrik“. Fabrik nennt sie das Näh- und Bastelzimmer, weil ihr diese Bezeichnung genau das Chaos erlaubt, das sie für kreative Maßnahmen braucht und das sie in anderen Räumen stören würde. Lieschen hat nämlich morgen Abend Klassentreffen und NICHTS anzuziehen. Garnichts. ÜBERHAUPT Garnichts. Nur drei angefangene Kleider. Und noch ca. vier andere in ihrem Kopf. Wenigstens eins wollte sie gerade fertig machen als das Telefon klingelte. 

Als sie auf dem Display sah, dass die Grete das Klingeln verursacht hat, ist sie natürlich dran gegangen, hat aber sofort über ihre aussichtslose Lage gestöhnt. „Nix hab ich anzuziehen. Ich kann da nicht hin gehen“ hat sie gesagt und die Grete wusste sofort Bescheid. „Quatsch! Was auch immer es ist. Du gehst dahin!“ Das hatte sie der Liese schon oft befohlen. Und wie immer fügte sie hinzu „Das Tigerkleid. Nimm das. Das passt immer.“ „Diesmal nicht, Grete. Diesmal nicht. Klassentreffen! Nur Frauen! Und die haben mich 35 Jahre nicht gesehen! Ich muss einen 1A Eindruck machen! Ich kann KEINESFALLS das alte Kleid anziehen!“ „Klar kannste! Machste ja eh zum Schluss, wenn es dir in letzter Sekunde dann doch egal ist.“ Die Grete kennt das Lieschen gut. Einen Tag vor irgendeinem Ereignis, zu dem sie eigentlich nicht hingehen will, macht sie sich jede Menge Stress. Sie strickt und näht als ginge es um ihr Leben und wenn es dann soweit ist geht sie entweder nicht hin oder zuppelt halt irgendetwas aus ihrem Schrank, in dem sie sich wohl fühlt. „Ach Grete hast ja Recht! Wie immer. Was gibt’s eigentlich? Warum rufst du an, du Gewohnheitstier, das normalerweise am Samstag anruft?“ 

Lieschen hatte es sich mittlerweile, nach einem kurzen Blick in den Kleiderschrank, der ihr die Gewissheit gab, dass das Tigerkleid nicht zufällig in der Wäsche war, im Sessel gemütlich gemacht und hörte nun Gretes Anliegen zu. Ach was hat sie sich geschämt. Die Grete kam mit der Erinnerung an ein echtes Problem. Sie erzählte noch einmal von ihrer Krebserkrankung, von das Lieschen damals in der akuten Zeit gar nichts erfahren hat. Erst hinterher hat die Grete ihr das erzählt. Diagnose und Krankenhausaufenthalt hat die Grete ihr damals als Urlaub „verkauft“ und erst hinterher die Wahrheit berichtet. Lieschen hat erst davon erfahren als „alles vorbei war“. Schwach war die Grete wohl noch, aber geheilt, wie sie sagte. Richtig darüber sprechen wollte sie aber auch dann nicht. Ist gut gegangen und nun ist es vorbei, hat sie gesagt und das Thema gewechselt. Vielleicht war das gut so. Das Lieschen hätte sich natürlich ne Menge Sorgen gemacht, wenn sie es vorher erfahren hätte und wer weiß, was sie alles gefragt und gesagt hätte, wenn die Grete das Thema nicht gewechselt hätte. 

Heute ist der Grete das ganze Thema wieder eingefallen, weil sie ein Video von einer im OP tanzenden Frau gesehen hat. Immer wieder. Und jetzt wollte sie wissen, was die Liese davon hält und von vorsichtshalber amputierten Brüsten, Vorsorgeuntersuchungen und vor allem eben von dieser tanzenden Frau. Aber die Liese hat keine eindeutige Meinung. Bisher hatte sie ja Glück und ihr ist eine Krebsdiagnose erspart geblieben. Gottseidank. Das heißt natürlich nicht, dass sie nie Krebs hatte oder hat. Die Liese geht nämlich niemals zur Vorsorge. Da können die Leute sagen, was sie wollen. Damit macht sie sich keinen Stress. Erst neulich hat sie wieder diesen Schrieb von der Krankenkasse weggeschmissen, der sie zur Krebsvorsorgeuntersuchung einlud. Sie will das nicht wissen. So was macht sie nicht vorsorglich. Das kann die Grete natürlich nicht verstehen. Und das wiederum versteht die Liese. Grete ist ja in einer ganz anderen Situation. Vielleicht würde die Liese in ihrer Situation genauso handeln. Wer weiß.

Brüste würde sie niemals vorsichtshalber wegoperieren lassen, aber die tanzende Frau findet das Lieschen super. Sie selbst hat das Video ja nicht gesehen, aber das was Grete ihr erzählte klingt klasse, findet sie. Es ist möglich, dass im Tanzen gefühlte und ausgedrückte Freude das Leid und seine Ursachen „vertreibt“. Klingt komisch. Ist aber vielleicht so. Meint jedenfalls das Lieschen. Und die Grete ja auch. Die hat die Freude ja schon allein beim Zugucken gespürt.
Vielleicht würden wir uns alle viel Leid ersparen, wenn wir so aktiv wie diese im OP tanzende Frau die Freude in unsere Körper und unsere Leben einladen würden und sie unabhängig von den Umständen einfach ausdrücken würden. „Vielleicht wäre das die beste Vorsorge, Grete. Vielleicht sollten wir alle mehr tanzen.“

Die beiden haben noch über dies und das gesprochen, über vergangenes Leid und immer wieder über Freude und deren mögliche Kraft zur Heilung bzw. zur Verhinderung von Krankheit. So nachdenklich der Anlass des Anrufs war, so ausgelassen sind die beiden im weiteren Verlauf. Sie freuen sich. Beide. Aneinander und am Leben. Kann sein, dass sie sich am Mittwoch am Flussufer zum Tanzen treffen. Kann sein. Wenn sie den Mut dann noch haben. Sie werden spätestens am Dienstag noch einmal deswegen telefonieren. Lieschen kann ja auch beim Tanzen erzählen wie das Klassentreffen war und wie ihr Tigerkleid angekommen ist. Denn das wird sie nun definitiv tragen. Weil's nämlich wurscht ist, wie sie aussieht. Hauptsache sie hat Spaß. Das weiß sie nun wieder.




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Kommentare:

  1. Zwei Freundinnen, das leidige Thema was ziehe ich zum Klassentreffen an, wo jeder auftrumpft was er erreicht hat im Leben und wie toll alles ist. Man erkennt sich kaum wieder und hält den ehemals besten Freund für den alten Klassenlehrer, dann die Wende, Erinnerungen an eine Krankheit die Furcht einflösst und lähmt.....
    Brustkrebs - ich habe zwei Freundinnen daran verloren. Es war ein harter Kampf, der völlig chancenlos war.
    Wie immer liegen Glück und Leid dicht beieinander und über Kleinigkeiten sollte man sich nicht aufregen. Aber wann sind es Kleinigkeiten?
    Schönes WE wünscht Geli

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  2. Ja, da steckt wieder eine Menge drin.
    Ich fang mal von hinten an, denn die Idee, am Flussufer tanzen zu gehen, gefällt mir. Das sollten die beiden Freundinnen mal machen. Befreit den Kopf bestimmt genauso von Alltagsgedanken wie Laufen, Singen,was weiß ich noch alles.
    Und da bin ich schon beim nächsten Aspekt.
    Es ist sicher richtig, aktiv an Probleme heranzugehen und das gilt eben auch für Krankheiten. Ob es nun tanzen sein muss, weiß ich nicht, da muss jeder seins finden. Wichtig ist wohl die positive Einstellung - nicht zur krankheit, sondern zum Leben. Kraft zur Heilung kommt sicher zum großen Teil aus einem selbst heraus.

    Ich habe es bei Grete schon angemerkt: Für mich ist Gesundheit weitaus mehr als nur die Abwesenheit von Krankheit. Klingt vielleicht blöd, aber ein vielleicht körperlich kranker Mensch kann gesünder sein als ein körperlich gesunder....

    Dass Lieschen nicht zur Vorsorgeuntersuchung geht, na ja, ich kann es verstehen, dieses nicht wissen Wollen, aber das ist natürlich Verdrängung und ganz unterschwellig schlummert doch etwas.
    Es ist passiv.
    Ich mag diese Vorsorgegeschichten auch nicht, aber manchmal bleibt einem nichts anderes.
    Und es ist erwiesen, das fast alle Krebsarten heilbar sind, wenn man sie rechtzeitig erkennt.
    Aber auch diese Entscheidung muss jeder für sich selber treffen.

    Und nun zum Anfang. Genauso habe ich es mir vorgestellt. Lieschen hat ein Näh- und Bastelzimmer.
    Und welches Drama: Sie hat nichts anzuziehen für das Klassentreffen. Lach...dabei wage ich mal zu behaupten, dass Lieschen nur ein paar Tücher und Stoffe braucht, die sie um sich mit Geschick drapiert - sie würde den Vogel abschießen und einen 1A (wenn auch etwas skurrilen) Eindruck machen.
    Nur frage ich mich, warum dieser 1A-Eindruck bei einem Klassentreffen so wichtig ist???
    Egal, gut, dass Grete ihrer Freundin das Tigerkleid schmackhaft gemacht hat. Das passt doch astrein...
    Lässt mich gerade ein wenig schmunzeln...

    Gute Nacht und liebe Grüße
    Enya.

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  3. Im letzten Jahr war ich auf einem Klassentreffen, hatte die meisten nach der Schule nicht mehr gesehen. Weißt du, was ich neben dem Austausch von ein paar Lebensgeschichten in Kurzform den ganzen Abend gemacht habe? Ich hab getanzt. Einfach nur getanzt. Und es war herrlich...
    Wünsche dir von ganzem Herzen ein wunderbares Klassentreffen!
    Liebe Grüße
    Christiane

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Herzlichen Dank für Euer Interesse und die den Blog so sehr bereichernden Kommentare!
Beides ist sowohl der Liese als auch mir eine große Freude! :-)))